radio AGORA 105,5

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15 Jahre radio AGORA 105,5_Festrede Dr. Sepp Brugger

Liebes Radioteam von Radio Agora,

sehr geehrter Herr Landeshauptmann, geschätzte Landesräte, Frau Genralkonsulin, Herr Staatssekretär!

liebe Fans und Freunde von Radio Agora!

 

Als ich 1989 beim 2. FERL-Kongress in Forcalquier an der Ausarbeitung der Grundsätze für freie Radios mitarbeitete und diese beschlossen wurden, hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass ich fast 25 Jahre später die Festrede zum 15-Jahrjubiläum eines freien Radios halten darf. Angelika Hödl hat meine Wahl als Festredner damit argumentiert, dass ich den Werdegang von Agora am besten kenne. So werde ich nun vom Bohren dicker Bretter in der österreichischen Politik erzählen.

Wenn wir über die Erfolgstory von Radio Agora sprechen, kommen wir an der  Cooperative Longomai nicht vorbei. Sie hat einen erheblichen Beitrag dazu geleistet.  1989 wurde von ihr der Verein Agora geründet. Longo mai hat dann einen Lizenzantrag für Radio Agora gestellt und gegen den ablehnenden Bescheid wurde eine Beschwerde beim europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) eingebracht. Radio Agora hat also Anfang der 90er Jahre schon wesentlich dazu beigetragen, dass es in Österreich endlich zu einer Privatisierung im Radiobereich kam. 1991 wurde zwar ein Gesetzesentwurf vorgelegt, nach offensichtlichen Uneinigkeiten in der Regierungskoalition ist das ganze aber wieder eingeschlafen. Die vielen Piratenradios die Anfang der 90er Jahre entstanden sind, haben sicherlich auch die längst überfällige Privatisierung beschleunigt. Österreichweit waren damals StudentInnen unterwegs ihre Radiosendungen auszustrahlen, Häufig wurden diese von den Universitäten unterstützt – oft dauerte die Sendung allerdings nur kurze Zeit, da Fernmeldebehörde in der Regel die Sendestandorte rasch aufspürte. Auch im Grünen Klub im Parlament haben wir uns als PiratInnen versucht.  Der Erfolg war allerdings nur von kurzer Dauer, die Hoffnung dass wir im Parlamentsgebäude von der Fernmeldebehörde verschont bleiben würden, hat sich als Irrtum erwiesen. 

Ausschlaggebend war aber die Entscheidung  des EGMR 1993. Darin haben Longomai und die anderen Beschwerdeführer recht bekommen. Nun kam  wieder Bewegung in die Politik. In diesem Erkenntnis hat der europäische Gerichtshof die grundlegende Rolle der Meinungsfreiheit für eine demokratische Gesellschaft hervorgehoben und darauf hingewiesen, dass der Staat ein Garant für die Meinungs- und Medienvielfalt und somit den größten publizistischen Wettbewerb zu sein hat. Aufgrund der Argumente von Agora hat der EGMR auch auf die Interessen und Bedürfnisse eines spezifischen Publikums wie die slow. Volksgruppe hingewiesen.

Ende 1993 wurde dann das sogenannte Regionalradiogesetz beschlossen und1994 die Lizenzen für 10 Regionalradios ausgeschrieben und  von der Regionalradiobehörde die Lizenzen vergeben. . Radio AGORA hatte sich auch für eine Regionalradiolizenz in Kärnten beworben. Wie zu erwarten wurden aber nur die big player auf dem Medienmarkt bedient.  Ich saß damals - von den Grünen entsandt -  sowie die Vertreter der anderen Parteien und der Sozialpartner in der Radiobehörde. Nach diesem Urteil des EGMR war für mich klar, dass freie Radios bei der Lizenzvergabe berücksichtigt werden mussten.    Gegen die Macht der marktbeherrschenden Zeitungsmacher bzw. die großkoalitionäre Einigkeit war ich allerdings chancenlos. Meine Hinweise auf die notwendige Medienvielfalt und die Bedeutung freier Radios wurden nicht ernst genommen. Radio Agora hatte wie die meisten anderen nichtberücksichtigten AntragstellerInnen eine  die Entscheidung der Behörde beim VfGH bekämpft. Der hob die Bescheide auf. Das Radiogesetz wurde novelliert und 1997  neuerlich 8 Regionalradiolizenzen und 42 Lokalradiolizenzen ausgeschrieben und vergeben. Es ist heute egal ob es meine Tiroler Sturheit, das Überwiegen der sachlichen Argumente betreffend die Bedeutung der freien Radios für die Medienlandschaft und somit die Meinungsvielfalt in unserer Gesellschaft oder die Angst vor neuerlichen Beschwerden war. Jedenfalls haben im 2. Durchgang mehrere freie Radios unter anderen auch Radio Agora eine Lokalradiolizenz erhalten. Ich freue  mich dass es damit gelungen ist, die freien Radios auf dem österreichischem Medienmarkt zu etablieren. Wie Prof Dr. Josef Trappel feststellte bilden  die freien Radios ein wichtiges korrektiv zur Medienkonzentration, die in Österreich größer ist als in anderen europäischen Ländern.  Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit ist bei den freien Radios Grundlage des Programms. Gewährleistet wird dieses Recht für alle BürgerInnen durch den offenen Zugang zum Medium. In Form von Sendezeiten und technischer Betreuung werden so Artikulationsräume eröffnet, um Inhalte und Meinungen, die nicht werberelevant sind, öffentlich zu machen. Radio Agoras als freies Radio verzichtet zugunsten offener Programmstrukturen auf Werbeeinnahmen und bietet Artikulationsmöglichkeiten jenseits von Formatierungs- und Quotendruck. Das „alte“ Medium Radio (das es schon seit mehr als 100 Jahre gibt) wurde so als Freies Medium neu entdeckt, es ist aktuell, authentisch und kostengünstig. Radio Agora  leistet damit eine Grundversorgung für all jene, die aus der kommerziellen Logik herausfallen. Die freien Radios vermitteln aber auch eine Medienkompetenz aus der Produktionsperspektive.

Von der Behörde wurde bewusst eine Lizenz für den Südkärntner Raum ausgeschrieben. Es war und  ist für Kärnten ein bedeutendes Sendegebiet mit dem Hauptsender am Dobratsch.  Neben Agora hatte sich auch Radio Korotan für die Lizenz beworben. Damals war die Behörde verpflichtet auf eine Anbietergemeinschaft hinzuwirken, wenn sich mehrere Bewerber für eine Frequenz beworben haben. So gründeten Radio Korotan später Radio dva und Radio Agora eine gemeinsame Gesellschaft und teilten sich die Lizenz. Ein erster großer Erfolg fast 10 Jahre nach Einbringung der Beschwerde beim europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

1998 ging Radio AGORA erstmals als zweisprachiges freies Radio auf Sendung. Fehlende finanzielle Mittel wurden durch viel  Enthusiasmus und großem Pioniergeist wettgemacht. Die Streichung der geringfügigen Mittel durch die schwarzblaue Koalition, brachte die freien Radios in Österreich in ernsthafte Existenzgefahr. Aber mit viel Engagement überlebten die RadiobetreiberInnen diese mageren Jahre. In Kärnten kam es zu einer Kooperation mit dem ORF, der leider im Gegenzug sein slowenischsprachiges Radioprogramm reduzierte.

Vor der neuerlichen Lizenzvergabe hat Radio dva die gemeinsame Gesellschaft mit Radio Agora aufgekündigt und wollte die Lizenz für sich alleine. Die Entscheidung der Behörde fiel aber zugunsten  von Radio Agora. So können wir heute mit Stolz  15 Jahre Radio Agora feiern. Meinen herzlichen Glückwunsch. Ausschlaggebend war wohl auch die Zweisprachigkeit von Radio Agora.

„ Drage prijateljice in prijatelji !

Na Koroškem koroških Slovencev ne moreš spregledati. Zato nikoli nisem razumel, da s politične strani dolgo časa dvojezičnosti niso podpirali, temveč nasprotno. Vselej sem zavidal moje slovenske prijateljice in prijatelje za njihovo dvojezičnost. Mislim da je dvojezičnost družbena, kulturna in gospodarska obogatitev za Koroško. Radio Agora ima poleg svoje naloge kot neprofitni medij zato važno vlogo tudi kot dvojezični medij.«

Neben seiner Funktion als nichtkommerzielles Medium hat Radio Agora eine wichtige Aufgabe als zweisprachiges Medium. Es geht darum das Slowenische aus dem intimen, familiären Bereich in die Öffentlichkeit zu holen. Zweisprachigkeit wird durch das Radio teil des Alltages. Durch Radio Agora wird die in Kärnten vorhandene sprachliche Vielfalt sichtbar gemacht. Für mich ist es eine wichtiger Schritt, die Zwei- und Mehrsprachigkeit in Kärnten zur Selbstverständlichkeit zu machen. Es ist ein Beitrag die Zweisprachigkeit für unsere Gesellschaft als Chance und Nutzen zu sehen. Ich weiß, da hat sich im Bewusstsein der Bevölkerung in den letzten Jahren einiges geändert, als vor 25 Jahren das drugačna Radio von Italien aus Zweisprachige Sendungen nach Kärnten ausstrahlte gab es noch einen Sturm der Entrüstung. Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr von diesen zweisprachigen Medien in Kärnten. Aber vielleicht gibt eines Tages in der Kleinen Zeitung auch einen slowenischen Teil.

 Abschließend freue ich mich, dass auch nach 15 Jahren Radio Agora in einem großen Teil Kärntens zu hören ist. Ich wünsche Angelika Hödl mit ihren Radioteam den Vorstand mit Loijze Wieser weiterhin viel Erfolg, Kreativität  und Revolutionsgeist um das freie zweisprachige Radio Agora in diesem Sinne weiterzuentwickeln.